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Ist man mit der Philosophie gut beraten?

Freitag, 16. März 2012



Man kann Philosophie an der Universität studieren. Dann ist man ein Student und hat einen Professor als Lehrer. Aber was lernt man da eigentlich? Man beschäftigt sich mit philosophischen Texten von Platon bis Sloterdijk. Nun ja, man eignet sich schon ein bestimmtes positives Wissen an, das sich angelegentlich in Examina abfragen lässt. Es handelt sich also im Grunde um ein abfragbares, kontrollierbares Wissen, wie in anderen Fächern auch.

Aber ist es wirklich das Wissen, worum es der Philosophie geht? Oder trifft Senecas Kritik nicht vielmehr auch diese Form von „Schulwissen“: „Non vitae sed scholae discimus – nicht für das Leben, für die Schule lernen wir“ (Epistulae morales 106,12). Derselbe Seneca meinte aber, dass man mit der Philosophie gut beraten sei: „Philosophia bonum consilium est“ (Ep. mor. 38,1). Ja, an einer anderen Stelle seines Briefcorpus setzt er noch eins drauf: die Philosophie verheiße der Menschheit Beratung, wobei er dasselbe Wort consilium benutzt (Ep. Mor. 48,7). Aber wie meint er das eigentlich? Möglicherweise denkt er an das aristotelische Modell des Mit-sich-zu-Rate-Gehens, der βόυλευσις (vgl. Etic. nic. 1112b). Ist also das Denken der Philosophie nicht eher ein Mit-sich-zu-Rate-Gehen? Nicht in positivem Wissen bestätigt sich philosophische Kompetenz, sondern im inneren Dialog des Mit-sich-zu-Rate-Gehens.

Der klassische Fall, wie wenig weit man mit „Schulwissen“ kommt, ist Boethius (ca. 480 – 524 n.Chr.), Politiker, Dichter und Philosoph, an der Schwelle von der Antike zum Mittelalter, genialer Übermittler griechischer Philosophie in die lateinische Kulturwelt; darum zählt er heute zu den maßgebenden praeceptores Europae – den Lehrern Europas (vgl. Wolfgang Ax, (Hg.), Lateinische Lehrer Europas, Köln 2005, 165 ff.). Obwohl er sich sein ganzes Leben lang mit Philosophie beschäftigte, geriet er in eine tiefe Lebenskrise (Depression, Verzweiflung) als er unter Theoderich dem Großen wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilt und eingekerkert wurde. Boethius ist ohne Zweifel einer der gebildetsten Männer seiner Zeit; und doch ist er gewissermaßen ein stultus (Tor) im existentiellen Sinn. Sein Bildungswissen hilft ihm nicht, die Lebenskrise produktiv zu bestehen. Und doch ist das einzige remedium, das ihm zur Verfügung steht, letztlich eben die Philosophie, wenn sie ihn denn dazu bringt, ernsthaft mit sich zu Rate zu gehen. Ihr modus curationis ist Heilung durch Argumentation, indem sie einen „durch etwas Abscheuliches“ zur Prüfung seiner selbst (experimentum sui) bringt.

Wie so etwas abläuft, schildert uns Boethius in seiner berühmtesten (Lebensbilanz und existentielle Verarbeitung umfassenden) Schrift „Philosophiae consolatio – Tröstung durch die Philosophie“, verfasst in der Erwartung des Vollzugs des Urteils. In einem wahrhaft schmerzlichen inneren Dialog, der mitunter an den kathartischen Prozess des antiken Dramas erinnert, erarbeitet er sich ein neues philosophisches Bewusstsein, das seine bisherigen Einstellungen und Werte radikal verwandelt und erneuert. Die in diesem (inneren) Zwiegespräch metaphorisch als Lehrerin (magistra) und Therapeutin (mulier medicans) auftretende Philosophie lehrt ihn nichts positiv Neues, sondern das bisher schon Gewusste existentiell zu verarbeiten und dadurch unreflektierte falsae opiniones abzulegen. Darin besteht der unübertroffene Wert der Philosophie, ihre Kraft zum Umdenken (zur μετάνοια); ja nicht zuletzt ihre Kraft aufzurichten und zu trösten: Philosophie spendet Trost (ohne Heil oder Rettung zu vermitteln), das macht ihre Grenze, aber auch ihren Wert aus.

Die entwickelte Fähigkeit zum selbständigen Denken (vgl. Kants Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen) befreit ohne Zweifel die Rat suchende Person von vielem: von Irrtümern (falsae opiniones), von Idolen, von Leidenschaften, die knechten und beherrschen. Zugleich entwickelt sich ihre Fähigkeit zur Sammlung, zum Sich-nicht-beunruhigen-Lassen (zur ἀταραξία) und zur Offenheit für die anderen, die nicht ausschließt, dass der andere Recht haben könnte (Gadamer). Das ist authentische Freiheit. Doch wichtiger als alles andere ist, das zeigt Boethius, dass die Philosophie eine bezaubernde Führerin durch das Feuer der Depression und der Verzweiflung sein kann. Solcher Art Philosophieren vermittelt die durch Verzweiflung geläuterte Fähigkeit, sich des Lebens in all seinen Beschränktheiten zu freuen.


Konditionen

Dauer: 19.00 Uhr bis 21.00 Uhr
Kosten: 8 Euro - Anmeldung erbeten
Ort: Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik
Waltherstr. 22
80337 München
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